Die transatlantischen Beziehungen stehen seit der Wiederwahl Donald Trumps vor tiefgreifenden Veränderungen. Neue Zölle und handelspolitische Unsicherheit stellen Unternehmen und Politik auf beiden Seiten des Atlantiks vor Herausforderungen. Welche Folgen ergeben sich daraus für die europäische Wirtschaft? Und welche Strategien können helfen, Europas Handlungsfähigkeit zu stärken? Diesen Fragen widmete sich die Onlineveranstaltung „Transatlantische Handelsbeziehungen: Vortrag und Diskussion mit Dr. Samina Sultan“, zu der die AG Wirtschaftspolitik der Europa Union Deutschland eingeladen hatte.
Mit Dr. Samina Sultan, Senior Economist für europäische Handels- und Wirtschaftspolitik am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), war eine Expertin zu Gast, die die Entwicklungen anhand zahlreicher Daten einordnete. Eine zentrale Aussage ihres Vortrags: Trotz der politischen Spannungen erweist sich die transatlantische Handelspartnerschaft als erstaunlich widerstandsfähig. Der Epochenumbruch bedeutet demnach vor allem eine Veränderung der Regeln und der politischen Logik, unter denen die wirtschaftlichen Beziehungen stattfinden. Die enge wirtschaftliche Verflechtung besteht weiterhin.
Dies verdeutlichten auch die präsentierten Handelszahlen: Der europäische Überschuss im Warenhandel mit den USA blieb 2025 gegenüber dem Vorjahr nahezu unverändert. Hinter dieser Entwicklung stehen jedoch unterschiedliche Erfahrungen der einzelnen Mitgliedstaaten. Während die deutschen Exporte in die USA zurückgingen, entwickelten sich etwa die irischen Ausfuhren in die entgegengesetzte Richtung. Die vergleichsweise stabile Gesamtbilanz verdeckt somit erhebliche Verschiebungen innerhalb Europas.
Frau Dr. Sultan beschrieb zudem eine zunehmende „Versicherheitlichung“ der Wirtschaftsbeziehungen: Wirtschaftliche Abhängigkeiten werden stärker für machtpolitische Ziele eingesetzt. Zölle dienen als Druckmittel, der Zugang zum amerikanischen Markt wird zum Verhandlungshebel. Auch Fragen der Regulierung sowie Standort- und Investitionsentscheidungen erhalten dadurch eine strategische Bedeutung.
Für die deutsche Industrie sind die Folgen besonders spürbar. Der Vortrag beleuchtete die Belastungen durch US-Zölle unter anderem für den Maschinenbau, die Elektroindustrie und den Fahrzeugbau. Zugleich zeigten die vorgestellten Daten einen deutlichen Rückgang der deutschen Direktinvestitionsflüsse in die USA. Damit wurde deutlich, dass die veränderten Rahmenbedingungen sowohl den Warenverkehr als auch längerfristige unternehmerische Entscheidungen betreffen.
Europa verfügt jedoch über wirtschaftliches Gewicht. Die präsentierten Zahlen unterstrichen die Bedeutung der EU als zentraler Lieferant für den amerikanischen Markt. Auch die USA sind auf Importe und funktionierende Handelsbeziehungen angewiesen. Die gegenseitige Verflechtung eröffnet Europa daher Handlungsspielräume im Umgang mit handelspolitischem Druck.
Welche Antworten sind vor diesem Hintergrund sinnvoll? In Vortrag und Diskussion standen insbesondere die Stärkung weiterer Handelspartnerschaften und die Vertiefung des europäischen Binnenmarkts im Mittelpunkt. Die USA und China bleiben wichtige Absatzmärkte für deutsche Unternehmen. Die vorgestellten Exportdaten zeigten zugleich, dass andere Handelspartner Rückgänge abfedern und neue Wachstumsimpulse setzen können. Auch die Zusammenarbeit mit Großbritannien wurde als Ansatzpunkt angesprochen.
Besondere Bedeutung kam der europäischen Integration zu. Ein stärkerer Binnenmarkt kann dazu beitragen, wirtschaftliche Belastungen besser aufzufangen und zwischen den Regionen zu verteilen. Sultan verwies hierzu auf Forschungsergebnisse, nach denen die Integration innerhalb der EU die regionalen Verluste durch US-Zölle verringert und Unterschiede in der Betroffenheit abmildert.
Im anschließenden Austausch diskutierten die Teilnehmenden mit der Referentin über die Folgen der amerikanischen Handelspolitik und mögliche europäische Gegenstrategien. Die Veranstaltung machte deutlich, wie eng wirtschaftliche Stärke und politische Handlungsfähigkeit miteinander verbunden sind. Für Europa liegt eine wesentliche Aufgabe darin, den gemeinsamen Binnenmarkt zu stärken, Handelspartnerschaften auszubauen und seine Interessen gegenüber den USA gemeinsam zu vertreten.